Geschützter Raum für Jugendliche mit herausforderndem Verhalten - „Wir halten euch. Und wir halten euch aus.“

09.07.2021

Die NRD Orbishöhe stellt sich am Standort Heppenheim einer neuen Aufgabe. In dem dreistöckigen Haus mit großem Garten, wo seit 2012 für Kinder und Jugendliche untergebracht waren und seit 2015 auch Unbegleitete minderjährige Ausländer wohnten, widmen sich Mitarbeitende jetzt jungen Menschen, die einen intensiv-pädagogischen Unterstützungsbedarf haben. Diese Zielgruppe nimmt in unserer Gesellschaft offenbar zu, aber die klassischen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe sind auf ihren Bedarf oft nicht zugeschnitten. Die Orbishöhe hat sich mit Kooperationspartnern vor gut einem Jahr auf den Weg gemacht, ein neues Konzept zu entwickeln. „Scheitern verboten“ ist die Überschrift. Die Orbishöhe leistet hier Pionierarbeit.

Ein Haus mit ausreichend Platz und Rückzugsmöglichkeiten und ein großer Garten, in den vielleicht bald auch ein Hühnerhaus stehen wird – das sind gute Rahmenbedingungen für die intensiv-pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Lage im Gewerbe-Mischgebiet ist ideal, die Eigentümerin tolerant: Das Haus gehört der NRD.
Ein Haus mit ausreichend Platz und Rückzugsmöglichkeiten und ein großer Garten, in den vielleicht bald auch ein Hühnerhaus stehen wird – das sind gute Rahmenbedingungen für die intensiv-pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Lage im Gewerbe-Mischgebiet ist ideal, die Eigentümerin tolerant: Das Haus gehört der NRD.

Wer den 2019 erschienenen Film „Systemsprenger“ kennt, hat eine recht gut Vorstellung davon, welches Leid betroffene Kinder und Jugendlichen mit sich herumtragen und welcher Herausforderung sich die Kolleg*innen in Heppenheim stellen. Prof. Dr. Menno Baumann, der einen Lehrstuhl für Intensivpädagogik in Düsseldorf innehat, wirkte bei dem Film als Berater mit. Sein Buch „Kinder, die Systeme sprengen. Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern“ von 2012 liegt inzwischen in vierter, unveränderter Auflage vor. Das Exemplar von Daniel Bialon, Regionalleiter der Orbishöhe Bergstraße, hat viele Lesezeichen: „Unsere Konzeption fußt auf den Erkenntnissen Baumanns“, sagt er.

Weitergereicht wie heiße Kartoffeln

Kinder, die Systeme sprengen, sind verschieden und jeder Fall ist ein Einzelfall. Was ihnen gemeinsam ist, bringt Menno Baumann auf den Punkt: Sie sind schwach gebunden. Das Filmdrama von Nora Fingscheidt macht es deutlich: Die neunjährige Benni sucht nichts anderes als eine verlässliche Bindung zu ihrer Mutter, zeigt dabei aber oft ein Verhalten, das alle Helfer*innen – Einzelpersonen und Institutionen – gleichermaßen überfordert. „Das Thema ist nicht neu, diese Jugendlichen gibt es schon lange“, sagt Daniel Bialon. „Sie hopsen von einer Maßnahme in die andere, werden weitergereicht wie heiße Kartoffeln.“

Teamleiterin Nadira Jawher hat die intensiv-pädagogische Konzeption des Hauses mit erarbeitet
Teamleiterin Nadira Jawher hat die intensiv-pädagogische Konzeption des Hauses mit erarbeitet

Ziel der Arbeit in Heppenheim ist es, die Jugendlichen zu stabilisieren und letztlich den Umzug in eine Regelwohngruppe oder in ein eigenes Zuhause mit ambulanter Unterstützung zu ermöglichen. „Das ist ein langfristiger Prozess“, sagt Teamleiterin Nadira Jawher, „die Jugendlichen werden unter Umständen jahrelang bei uns sein.“ Nadira Jawher, Sozialpädagogin und systemische Therapeutin, ist seit Sommer 2020 Teamleiterin in Heppenheim und hat die Konzeption für die intensiv-pädagogische Wohngruppe für Menschen zwischen 13 und 18 Jahren mit erarbeitet. Mit im Boot waren von Anfang an das Jugendamt und das Schulamt des Landkreises Bergstraße sowie die Heppenheimer Vitos Kinder- und Jugendtagesklinik für psychische Gesundheit. Diese enge Kooperation ist etwas Besonderes, ebenso der hohe Personalschlüssel für die Wohngruppe. Für acht Jugendliche stehen acht Vollzeitkräfte zur Verfügung und zusätzlich zwei so gennannte Individualpädagogen, die das Team begleiten und Sonderaufgaben übernehmen, die jeden Tag anstehen können.

Keiner soll verloren gehen

Was der Film „Systemsprenger“ zeigt, ist traurige Realität: Die Systeme werden häufig von den Kinder und Jugendlichen gesprengt – es folgt ein Beziehungsabbruch. Viele Kinder und Jugendlichen werden mehrmals in die Psychiatrie eingeliefert. Deshalb werden alle, die in die WG Heppenheim einziehen, auch in der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt und aufgenommen, sofern sie nicht längst schon dort bekannt sind. Wesentlicher Bestandteil des Orbishöhen-Konzepts ist es, die Betroffenen dort niemals alleine zu lassen. Keinen Beziehungsabbruch zu zulassen. Dies wird eine der Aufgaben für die Individualpädagogen sein: Sollte ein Aufenthalt, in der Psychiatrie notwendig sein, werden sie die Jugendlichen jeden Tag dort besuchen. „Denn wir wollen den Jugendlichen deutlich machen: Wir halten euch. Und wir halten euch auch aus“, sagt Daniel Bialon.

Wie wird das Aushalten möglich, wenn man unverhofft mit grenzüberschreitendem Verhalten der Jugendlichen rechnen muss, verursacht durch intensive und scheinbar unkontrollierbare Emotionen? Das Team ist vorbereitet, „denn keiner soll verloren gehen, auch keine*r der Mitarbeitenden“, sagt Nadira Jawher. Die Kolleg*innen beherrschen die in der NRD schon vor langer Zeit etablierte PART-Methode, die dem Selbstschutz dient und gewaltlosen Widerstand ermöglicht; sie haben sich in internen und externen Fortbildungen mit professioneller Beziehungsarbeit sowie Trauma-Folgestörungen und systemischer Therapie beschäftigt.
Zur Grundhaltung „Scheitern verboten“ gehört auch eine besondere Sicht auf das herausfordernde Verhalten der Klient*innen: „Wir begreifen Verhaltenssymptome als Bewältigungs-Strategien“, erklärt Bialon. Auch dieser Grundgedanke, der störendes Verhalten nicht als Fehler, sondern als individuelle Ressource betrachtet, geht auf die Forschungsarbeit von Menno Baumann zurück und wird im Film „Systemsprenger“ deutlich: Benni begibt sich, wenn sie sich nicht verstanden fühlt, oftmals in Gefahr – aber ihr passiert nichts. Sie hat all ihre Sinne beisammen, sie hält einiges aus und kann sich auch gegenüber wesentlich stärkeren Erwachsenen behaupten.

Machtkämpfe sind sinnlos

„Es ist durchaus möglich, dass Jugendliche weglaufen und einige Tage nicht zurückkommen“, sagt Nadira Jawher. Der gängigen Praxis, die Jugendlichen von der Polizei suchen und zurückbringen zu lassen, vielleicht auch in die Psychiatrie, möchte das Team in Heppenheim nicht folgen. „Auch hier käme wieder ein Individualpädagoge ins Spiel“, erklärt Jawher, „er kennt die einschlägigen Plätze, wo solche Klienten sich aufhalten und würde den „Ausreißer“ jeden Tag besuchen, um zu schauen, wo er schläft, wie er zurechtkommt und ihm klarzumachen: Wir warten auf dich. Wir freuen uns, wenn du wiederkommst. Denn „Machtkämpfe führen wir nicht“, sagt die Teamleiterin. Dass diese in der Tat nichts bringen, dürften alle Eltern von Kleinkindern schon wissen. Und Menno Baumann hat an vielen Einzelfall-Studien nachgewiesen, dass Machtkämpfe nur mit Gewalt zu gewinnen sind und spätestens dann verloren werden, wenn das Gegenüber die nötige körperliche Kraft erlangt hat, um sich zu wehren.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs im Mai ist die intensiv-pädagogische Wohngruppe noch nicht voll belegt. Seit dem Start Mitte April wurden zwei Mädchen aufgenommen, 15 und 16 Jahre alt. Eine von ihnen, Ada*, besucht zurzeit noch nicht die Schule, die andere, Hannah*, radelt täglich in die Schule, die zur Vitos-Klinik in Heppenheim gehört. Dort will sie ihren Realschul-Abschluss machen. Hannah betreibt einen Blog und ihr Traum ist es, Synchron-Sprecherin zu werden. Hannah ist kreativ. Origami hat es ihr angetan. Das ist eine Falttechnik, die in Japan schon Grundschüler*innen lernen: eine kunstvolle Methode, schöne Figuren aus Papier zu falten. Hannahs Lieblingsobjekte sind zurzeit Papierschwäne. Sie platziert sie an vielen Orten im Haus, das wir nun kurz besichtigen.

Kleine Zeichen, dass jemand gut gelandet ist: Hannahs Origami-Schwäne schmücken viele Ecken im Haus
Kleine Zeichen, dass jemand gut gelandet ist: Hannahs Origami-Schwäne schmücken viele Ecken im Haus

Im Erdgeschoss und im 1. Stock sind zwei gleichgroße Wohnbereiche für je vier Klient*innen. Die hölzernen Türrahmen wurden ausgetauscht gegen stabile Teile aus Metall: „Sie fliegen sonst im Zweifelsfall schnell raus“, erklärt Daniela Bialon. Je zwei Personen teilen sich ein Bad, in beiden Einheiten gibt es Wohn- und Esszimmer, Sitzecken und je ein Büro für die diensthabenden Pädagog*innen. Im Erdgeschoss steht im Ofen schon das Mittagessen, das die Hauswirtschaftskraft Silke Pfeffer frisch zubereitet hat. Von der Terrasse blickt man in den großen Garten mit Kirschbäumen. Der Standort des Hauses im Gewerbe-Mischgebiet ist ideal. Es gibt keine unmittelbaren Nachbarn, die man stören könnte. Bahnhof, Polizei und Feuerwehr liegen in nächster Nähe.

Die oberen Stockwerke (hier ist auch das Zimmer für die Nachtbereitschaft) sind vor allem kreativen Zwecken gewidmet. Jeden Tag soll es wechselnde AGs geben und alle Team-Mitglieder haben sich verpflichtet, ihre kreativen Fähigkeiten mit einzubringen. So hat ein Kollege im Keller schon ein Schlagzeug aufgestellt und zwei E-Gitarren warten auf ihren Einsatz. Im Werkraum soll mit den Klient*innen ein Hühnerhaus für den Garten gebaut werden, damit alle Interessierten ein eigenes Huhn halten können. Nadira Jawher wird Handarbeiten und Malen anbieten, in Kooperation mit dem Reit- und Fahrverein Alsbach-Hähnlein wird zweimal wöchentlich eine Pferde-AG angeboten. Außerdem soll es Klettern und Kanufahren geben. Einen Entspannungsraum gibt es auch – und genug Platz für häuslichen Schulunterricht. Denn auch das gehört zum Konzept: In Kooperation mit dem Schulamt erhalten Klient*innen zu Hause. Solange, bis sie genug Stabilität und Selbstsicherheit aufgebaut haben, um wieder eine Regelschule zu besuchen.

Ein reichhaltiges Angebot voller Möglichkeiten. Wer weiß, was die Jugendlichen aufgreifen werden, was vielleicht wegfallen kann oder neu dazu kommen muss? Das werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. „Ich freue mich, das alles hier mit aufbauen zu können“, sagt Nadira Jawher. „Ich bin froh, dabei zu sein, denn es ist ein Pionierprojekt. Zumindest im gesamten süddeutschen Raum ist es bislang einmalig.“

Text Marlene Broeckers Fotos Nadira Jawher, M. Broeckers

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